Die Mission der Heiden und die Frage der Einhaltung der
Weisungen Gottes, der Tora
Die Apostelgeschichte schildert, dass es unter den
jesusgläubigen Juden keineswegs selbstverständlich war, Heiden, also
Nichtjuden, die großes Interesse am Judentum gezeigt hatten, und bereit
waren, überzutreten, in
ihre Gemeinschaft aufzunehmen.
Petrus, so lesen wir in der Apostelgeschichte, teilte dem Hauptmann
Cornelius zum Beispiel sogar mit, dass es eigentlich für einen
Juden nicht möglich ist, einen Nichtjuden zu besuchen. Aber es gab auch
andere, zum Beispiel Paulus, die offen dafür eintraten, Heiden in das
Volk des Messias aufzunehmen. Nach dem Alten Testament sollte der
Messias ja ein Licht für die Völker sein.
Die schwierige Frage war nur, ob sie auf die übliche jüdische Weise
durch Beschneidung und Tora-Gehorsam
aufgenommen werden sollten. Der Galaterbrief berichtet von diesem
Streit zwischen Petrus und Paulus. Jesus hatte zu der Frage nichts
gesagt. Die Apostelgeschichte schildert eine Vision des Petrus, in der
er vom Himmel aufgefordert wird: „Steh auf Petrus, schlachte und iss!“.
Das Besondere war, dass die Tiere, die er
schlachten sollte, unrein waren, das heißt: nach der Tora nicht essbar.
Beim dritten Mal erklärte die himmlische Stimme Petrus, welche
Konsequenz er aus dieser Vision ziehen solle: „Was Gott für rein
erklärt hat, das erkläre du nicht für unrein!“.
Die Apostelgeschichte berichtet auf diese Weise, dass göttliches
Eingreifen entschied, auch Nichtjuden zu seinem
Volk zuzulassen. Petrus sprach: „In Wahrheit werde ich inne, dass Gott
nicht die Person ansieht, sondern dass in jedem Volk, wer ihn fürchtet
und Gerechtigkeit übt, ihm willkommen ist“.
Dann kam das sogenannte Apostelkonzil (46/48 n. Chr.), auf dem
verhandelt wurde, ob die Heiden beschnitten werden müssen, um voll zum
Volk Gottes zu gehören. Paulus konnte sich durchsetzen mit seiner
Forderung, den Heiden ihre Freiheit zu lassen. Sie sollten nur einige
Gebote der Tora halten, die für Heiden Gültigkeit hatten, sobald sie
unter Juden lebten. Mit Hilfe solcher Absprachen und Regelungen konnte
die Heidenmission
fortgeführt werden. Dass Paulus von den Nichtjuden weder Beschneidung
noch Beachtung der Speisegesetze verlangte und ihnen trotzdem die volle
Zugehörigkeit zum Gottesvolk zusprach, machte seine Botschaft
attraktiv.
Aber Paulus ging es nicht nur darum, sondern um eine israelfreundliche
Völker-Ökumene. Seine Mission sollte die
Völker weltweit im Geist und im Leib Christi versöhnen. Es ging ihm um
die Rettung Israels, die Wiedererrichtung der zerfallenen Hütte Davids.
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Juden und Christen Tür an Tür
Die Christen lebten und missionierten im 1. und bis ins 2. Jahrhundert
hauptsächlich in einem jüdischen Umfeld. Sie waren Juden bzw. fühlten
sich als Juden und lebten mit Juden Tür an Tür. Aber es gab eine
missionarische Konkurrenz um dieselben Gottesfürchtigen, die ja
potenzielle Übertrittswillige waren.
Nur die Art des Übertritts wurde unterschiedlich gehandhabt. So konnten
die Jesusgläubigen in den Augen des traditionellen Judentums als eine
Sekte erscheinen, die sich eher von Visionen wie der des Petrus leiten
ließ, statt die strengen Regeln der Tora zu beachten.
Wenn Jesus in den Evangelien die Schriftgelehrten, Pharisäer und
Sadduzäer mit harten Worten verurteilte, dann geschah das in der
Tradition der prophetischen Kritik, wie zum Beispiel mit den Worten: „Wehe
aber euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr
das Himmelreich zuschließt vor den Menschen; ihr geht nicht hinein, und
die hineinwollen, lasst ihr nicht hinein“ (Matthäus 23, 13).
Gruppierungen und Parteien stritten im Stil alttestamentlicher
Prophetie, und sie taten das in der Tradition innerjüdischer Kritik.
Als diese Worte aber in die Hände von Heidenchristen übergingen,
veränderten sie ihren Charakter, weil sie nicht mehr von der tiefen
Solidarität mit dem jüdischen Volk getragen wurden. Sie waren nicht
mehr ein Ruf zur Buße, sondern wurden zu einer Waffe, um die Juden als
von Natur aus ungläubig zu verunglimpfen. Aus jüdischen Bußworten
wurden antijüdische Slogans.
Der Grund für solche heftige Selbstbehauptung gegenüber den Juden war
vermutlich das Gefühl der Unterlegenheit. Denn das entstehende
Christentum galt als jüdische Sekte und war noch keine anerkannte
Religion. Es erschien als Teil des Judentums, war aber im biblischen
Erbe weniger zu Hause als die jüdischen Nachbarn mit ihrer langen
Auslegungstradition und dem Wissen um den hebräischen Text.
Ein neues Selbstwertgefühl entwickelte sich erst, als den
Heidenchristen gesagt wurde: „Ihr seid nun nicht mehr Gäste
und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen“
(Epheserbrief 2, 19). Es muss für sie ein überwältigendes Gefühl
gewesen sein, nun vollgültige Glieder des Gottesvolkes zu sein. Das
traditionelle Judentum akzeptierte diese Aufnahme der Heiden in die
Gemeinden der Jesusgläubigen weiterhin nicht. Es beobachtete die
Entwicklung mit Skepsis und Argwohn. Immerhin hatte das
unterschiedliche Vorgehen bei der Aufnahme der Heiden für die
jesusgläubigen Gemeinden eine starken Sog zur Folge, der die
Zusammensetzung der Gemeinden veränderte.
Als im 2. Jahrhundert die Heidenchristen in den christlichen Gemeinden
in der Überzahl waren, sahen sie sich als die eigentlichen Gläubigen
an. Bisher bestanden unterschiedliche jüdische Sichtweisen
nebeneinander, jetzt ging der jüdische Bezug verloren. Es gehörten nur
noch wenige geborene Juden zu den Jesusgläubigen, die sich hätten
einmischen können, um den Zusammenhang zur Völker-Ökumene zu erhalten.
So entstand ein Wechsel der Perspektive mit weitreichenden Folgen.
Bereits 120 Jahre nach Paulus können wir bei Justin dem Märtyrer (im
Jahr 185) lesen, dass die Verheißungen, die Israel gegeben waren, auf
die heidenchristliche Kirche übergegangen seien. Weil niemand auf den
Gedanken kam, Gott könne zwei Völker haben, musste es entweder Israel
oder die Kirche sein. Die Kirche „ersetzte“ das jüdische Volk und
übernahm das Erbe Israels. Es gab eben nicht mehr so viele
jesusgläubige Juden in der Kirche, die schon durch ihre bloße Existenz
einen mäßigenden Einfluss hätten ausüben können.
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Das „Ich“ Jesu
Der schwedische Rabbiner Marcus Ehrenpreis schrieb 1933, Jesus spreche
in seinem eigenen Namen. Das Judentum kennt nur ein Ich, das göttliche „Anochi“ (hebräisch
„ich“). Die Propheten Israels sagten: So spricht der
Herr. Jesu Stimme hatte einen fremden Klang, den jüdische Ohren nie
zuvor gehört hatten. Jeder jüdische Gelehrte ist ein Glied in einer
ununterbrochenen Traditionskette von Mose bis heute. Jesus unterbricht
diese Kette anscheinend und beginnt eine neue.
Es scheint, dass Ehrenpreis recht hat: Jesus sprach, so sagen es die
Quellen, in einer Weise, die ihn über die höchste Kategorie stellte,
die im Judentum für Menschen erlaubt ist. Ein Rabbi kann sagen: Ich
habe diese Tradition von Rabbi A empfangen, der sie von Rabbi B gehört
hat. So beglaubigt er seine Entscheidung mit der Autorität der
Tradition, die letztlich auf die mündliche Tora von Mose zurückgeht.
Der Prophet spricht direkter von Gott: „So spricht der Herr: Ich...“
Aber der Prophet ist nur ein Vertreter Gottes. Er spricht in Gottes
Namen, nicht in seinem eigenen. Seine eigene Person ist nicht wichtig.
Er hat Gottes Wort nicht in sich selbst, er muss darauf warten.
Jesus hat seine Predigt offenbar nie in der Weise wie die Rabbiner
beglaubigt. Niemals sagte er: Ich habe eine Tradition empfangen. Er
sprach auch nicht wie ein Prophet. Er sagte Gottes Wort, Gottes
Weisungen, in seinem eigenen Namen. Für jüdische Ohren muss das
schockierend geklungen haben.
Er vergab Sünden, was die Frage auslöste: Wer kann Sünden vergeben
außer Gott allein? Die Propheten sagten: Kehrt um zu Gott. Jesus sagte:
„Kommt her zu mir,
alle, die ihr mühselig und beladen seid.“ Die Rabbiner
konnten davon sprechen, das Joch der Tora auf sich zu nehmen. Jesus
sagte: „Nehmt mein Joch
auf euch und lernt von mir“ (Matthäus 11, 29).
Die Rabbiner konnten sagen, dass die „Schechina“ (Gegenwart
Gottes) über ihnen sei, wenn zwei oder drei über der Tora
zusammensitzen. Jesus sagte: „Wo
zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter
ihnen“ (Matthäus 18, 20).
Jesus bedroht das stürmische Meer, und es gehorcht (Matthäus
8, 23-27). Einige charismatische Lehrer hatten die Gabe,
Wunder zu tun und Leute zu heilen. Aber sie taten es durch ihre Gebete,
sie waren die großen Fürbitter. Jesus rief nicht die Kraft Gottes an,
er hatte die Macht in sich selbst und heilte durch einen einfachen
Befehl. Andere Exorzisten versuchten, den bösen Geist dadurch zu
erschrecken, dass sie eine göttliche Macht anriefen. Jesus trieb sie
mit seinem eigenen Machtwort aus, die Geister fürchteten ihn.
Wenn wir nach einem alttestamentlichen Modell für dieses Verhalten
suchen, für dieses „Ich“ neben Gott, finden wir nur eins: Gottes
Weisheit. Deshalb genügt es nach dem Zeugnis des Neuen Testaments nicht
zu sagen, dass Jesus ein außerordentlich weiser Mann war. Er ist nicht
ein Vertreter von Weisheit, sondern die Weisheit selbst. Und er ist
auch die Tora in Person. Deshalb konnte er sie in seinem Namen
vertiefen, radikalisieren, korrigieren, nicht indem er sie verwarf oder
beiseite tat, sondern indem er sie vollständig machte.
Es ist unnötig zu betonen, dass eine solche Christologie nur in einem
jüdischen Kontext entstehen konnte, und zwar zwischen Jüngern, die
erfüllt waren vom Alten Testament und von jüdischen Denkkategorien.
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Toleranz und Religion wie passt das zusammen?
„Ich bin der Weg,
die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater, denn durch mich.“ (Johannes
14,6)
Dieses „niemand“
hat viel Unheil gestiftet. Der Vorwurf der Intoleranz unter den
Religionen hat hier von christlicher Seite seinen Ursprung. Wir wollen
versuchen einen neuen Zugang zu diesem Wort „niemand“ zu finden, damit
die Toleranz wieder an Boden gewinnt.
Auch der Begriff „Wahrheit“
hat Unfrieden gebracht. Hatte nicht die „Wahrheit“ des Sonnensystems im
Widerspruch gestanden zur „Wahrheit“ des Glaubens, der sich
wortwörtlich an die Bibel hielt? Wir dürfen nicht den Weg der
intoleranten „Kreationisten“ gehen, die die Bibel mit einem
Naturkundebuch verwechseln.
Also lasst uns neu hinschauen.
Was ist das für ein „Weg“, wenn Jesus sagt „Ich bin der Weg“?
Es ist der Weg, den Mose dem Volk Israel vorgelegt hat, als er ihm die
Tora übergab. Das Volk sollte sich entscheiden, ob es diesen Weg gehen
wollte. Auch Jesus ist selbstverständlich diesen Weg der Tora gegangen.
Unsere Vorstellung von „Wahrheit“
ist von der griechischen Philosophie geprägt. Plato, Aristoteles oder
große Philosophen des Mittelalters haben unser Verständnis von Wahrheit
beeinflusst. Immer wieder geht es um ein Urteil, um die Frage, ob es
eine Übereinstimmung gibt zwischen dem Gesagten und der Vernunft,
zwischen Tatsachen und der Idee davon. Zugespitzt geht es um die Frage
Wahrheit oder Lüge.
Die Bibel versteht die „Wahrheit“
anders, nämlich als „Wahrsein“.
Wenn wir uns als Christen äußern, sollten wir der Bibel eine Chance
geben und uns von einem biblischen Verständnis leiten lassen. Bei der
biblischen „Wahrheit“ ist nämlich die Wirkung der Verlässlichkeit und
Treue gemeint. Gott ist wahr, er ist treu und verlässlich. Die
„Wahrheit“ Gottes zeigt sich darin, dass er sich wahrhaft treu erweist.
Aber das ist keine Aussage, die man mit wahr oder unwahr beurteilen
kann. Es ist eine Glaubensaussage derer, die Gott für sine Treue und
Verlässlichkeit danken.
Jesu geht seinen Weg, auf dem er sich auf das Wahrsein Gottes verlässt.
Und er lädt uns ein, dass wir uns ebenso auf die Verlässlichkeit und
Treue Gottes einlassen. Dieser Weg schenkt Leben und Segen.
Dieses „Niemand“
wurde mit christlicher Besserwisserei und viel Selbstsucht verbunden,
in der man Selbstbestätigung suchte, um die eigene Glaubensweise
bestätigt zu bekommen. In dieser christlichen Überheblichkeit wurden
Juden als Verworfene verurteilt.
Der Jude Franz Rosenzweig lässt uns neu auf diese Stelle schauen, als
er in einer berühmten Briefstelle zu diesem „Niemand“ schrieb:
„Niemand - außer denen, die, wie wir Juden, auch ohne und vor Christus
schon längst beim Vater sind.“
Wenn wir Christen von der ausschließenden Vorstellung - als hätten wir
Christen allein die Wahrheit und nicht die Juden - wegkommen könnten,
würde dieser Weg Jesu tatsächlich ein befreiendes und verbindendes und
segensreiches Leben öffnen.
Diese Sichtweise wird uns von der Verfassung der Nordelbischen
Evangelisch-Lutherischen Kirche bestätigt. Dort lesen wir in der
Präambel: „Die Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche bezeugt die
bleibende Treue Gottes zu seinem Volk Israel.“
Jesus ist tatsächlich der einzige Weg für uns Nicht-Juden, der einzige
Weg zu Gott. Niemand von uns Nicht-Juden oder Heiden kommt zum Vater,
außer durch Jesus. Und für uns stimmt dieser Vers aus dem
Johannesevangelium.
Es geht um Jesu Weg, auf dem wir Christen die Treue und Verlässlichkeit
Gottes erfahren können, um das Leben zu entdecken.
So beginnen wir, dieses „niemand“
neu zu verstehen. Uns selbst geht es an. Und nicht die Juden, denn sie
waren schon längst beim Vater und sind bei Gott ohne Christus.
Und die Moslems,
auch sie haben ihren Weg zu Gott. Es ist der Weg den Mohammed ihnen
aufgezeigt hat.
So folgen wir Jesu Weg um Gottes „Wahrheit“, seine Liebe und
Barmherzigkeit zu erfahren und zu leben.
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