Aus dem theologischen Nähkästchen
Christlich-jüdische Hintergrundinformationen
von Jörg Giesen, P.i.R.

Dass Jesus ein Jude war, ist inzwischen Allgemeinwissen, dass aber die neutestamentlichen Schriften sich an „jesusgläubige Juden“ und „jesusgläubigen Heiden“ wandten, um keineswegs eine Kirche zu gründen, sondern innerhalb des Judentums zu bleiben, das ist neuere theologische Erkenntnis.
Um Ihnen einen kleinen Einblick zu geben, habe ich Ihnen in meiner Zeit der Vakanzvertretung in Wohltorf drei Artikel mit christlich-jüdischen Hintergrundinformationen in der „aktuell“ veröffentlicht, denen ich die Überschrift „aus dem theologischen Nähkästchen“ gab.
Außerdem finden Sie unter „Toleranz und Religion“ einen Artikel zu der Bibelstelle von Jesus: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch mich.“

Ich wünsche Ihnen damit gute Erkenntnisse und Freude zu neuen Wegen.

Ihr Pastor Jörg Giesen


Die Mission der Heiden und die Frage der Einhaltung der Weisungen Gottes, der Tora

Die Apostelgeschichte schildert, dass es unter den jesusgläubigen Juden keineswegs selbstverständlich war, Heiden, also Nichtjuden, die großes Interesse am Judentum gezeigt hatten, und bereit waren, überzutreten, in ihre Gemeinschaft aufzunehmen.
Petrus, so lesen wir in der Apostelgeschichte, teilte dem Hauptmann Cornelius zum Beispiel sogar mit, dass es eigentlich für einen Juden nicht möglich ist, einen Nichtjuden zu besuchen. Aber es gab auch andere, zum Beispiel Paulus, die offen dafür eintraten, Heiden in das Volk des Messias aufzunehmen. Nach dem Alten Testament sollte der Messias ja ein Licht für die Völker sein.
Die schwierige Frage war nur, ob sie auf die übliche jüdische Weise durch Beschneidung und Tora-Gehorsam aufgenommen werden sollten. Der Galaterbrief berichtet von diesem Streit zwischen Petrus und Paulus. Jesus hatte zu der Frage nichts gesagt. Die Apostelgeschichte schildert eine Vision des Petrus, in der er vom Himmel aufgefordert wird: „Steh auf Petrus, schlachte und iss!“. Das Besondere war, dass die Tiere, die er schlachten sollte, unrein waren, das heißt: nach der Tora nicht essbar. Beim dritten Mal erklärte die himmlische Stimme Petrus, welche Konsequenz er aus dieser Vision ziehen solle: „Was Gott für rein erklärt hat, das erkläre du nicht für unrein!“.
Die Apostelgeschichte berichtet auf diese Weise, dass göttliches Eingreifen entschied, auch Nichtjuden zu seinem Volk zuzulassen. Petrus sprach: „In Wahrheit werde ich inne, dass Gott nicht die Person ansieht, sondern dass in jedem Volk, wer ihn fürchtet und Gerechtigkeit übt, ihm willkommen ist“.
Dann kam das sogenannte Apostelkonzil (46/48 n. Chr.), auf dem verhandelt wurde, ob die Heiden beschnitten werden müssen, um voll zum Volk Gottes zu gehören. Paulus konnte sich durchsetzen mit seiner Forderung, den Heiden ihre Freiheit zu lassen. Sie sollten nur einige Gebote der Tora halten, die für Heiden Gültigkeit hatten, sobald sie unter Juden lebten. Mit Hilfe solcher Absprachen und Regelungen konnte die Heidenmission fortgeführt werden. Dass Paulus von den Nichtjuden weder Beschneidung noch Beachtung der Speisegesetze verlangte und ihnen trotzdem die volle Zugehörigkeit zum Gottesvolk zusprach, machte seine Botschaft attraktiv.
Aber Paulus ging es nicht nur darum, sondern um eine israelfreundliche Völker-Ökumene. Seine Mission sollte die Völker weltweit im Geist und im Leib Christi versöhnen. Es ging ihm um die Rettung Israels, die Wiedererrichtung der zerfallenen Hütte Davids.

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Juden und Christen Tür an Tür

Die Christen lebten und missionierten im 1. und bis ins 2. Jahrhundert hauptsächlich in einem jüdischen Umfeld. Sie waren Juden bzw. fühlten sich als Juden und lebten mit Juden Tür an Tür. Aber es gab eine missionarische Konkurrenz um dieselben Gottesfürchtigen, die ja potenzielle Übertrittswillige waren.
Nur die Art des Übertritts wurde unterschiedlich gehandhabt. So konnten die Jesusgläubigen in den Augen des traditionellen Judentums als eine Sekte erscheinen, die sich eher von Visionen wie der des Petrus leiten ließ, statt die strengen Regeln der Tora zu beachten.
Wenn Jesus in den Evangelien die Schriftgelehrten, Pharisäer und Sadduzäer mit harten Worten verurteilte, dann geschah das in der Tradition der prophetischen Kritik, wie zum Beispiel mit den Worten: „Wehe aber euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr das Himmelreich zuschließt vor den Menschen; ihr geht nicht hinein, und die hineinwollen, lasst ihr nicht hinein“ (Matthäus 23, 13).
Gruppierungen und Parteien stritten im Stil alttestamentlicher Prophetie, und sie taten das in der Tradition innerjüdischer Kritik. Als diese Worte aber in die Hände von Heidenchristen übergingen, veränderten sie ihren Charakter, weil sie nicht mehr von der tiefen Solidarität mit dem jüdischen Volk getragen wurden. Sie waren nicht mehr ein Ruf zur Buße, sondern wurden zu einer Waffe, um die Juden als von Natur aus ungläubig zu verunglimpfen. Aus jüdischen Bußworten wurden antijüdische Slogans.
Der Grund für solche heftige Selbstbehauptung gegenüber den Juden war vermutlich das Gefühl der Unterlegenheit. Denn das entstehende Christentum galt als jüdische Sekte und war noch keine anerkannte Religion. Es erschien als Teil des Judentums, war aber im biblischen Erbe weniger zu Hause als die jüdischen Nachbarn mit ihrer langen Auslegungstradition und dem Wissen um den hebräischen Text.
Ein neues Selbstwertgefühl entwickelte sich erst, als den Heidenchristen gesagt wurde: „Ihr seid nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen“ (Epheserbrief 2, 19). Es muss für sie ein überwältigendes Gefühl gewesen sein, nun vollgültige Glieder des Gottesvolkes zu sein. Das traditionelle Judentum akzeptierte diese Aufnahme der Heiden in die Gemeinden der Jesusgläubigen weiterhin nicht. Es beobachtete die Entwicklung mit Skepsis und Argwohn. Immerhin hatte das unterschiedliche Vorgehen bei der Aufnahme der Heiden für die jesusgläubigen Gemeinden eine starken Sog zur Folge, der die Zusammensetzung der Gemeinden veränderte.
Als im 2. Jahrhundert die Heidenchristen in den christlichen Gemeinden in der Überzahl waren, sahen sie sich als die eigentlichen Gläubigen an. Bisher bestanden unterschiedliche jüdische Sichtweisen nebeneinander, jetzt ging der jüdische Bezug verloren. Es gehörten nur noch wenige geborene Juden zu den Jesusgläubigen, die sich hätten einmischen können, um den Zusammenhang zur Völker-Ökumene zu erhalten. So entstand ein Wechsel der Perspektive mit weitreichenden Folgen. Bereits 120 Jahre nach Paulus können wir bei Justin dem Märtyrer (im Jahr 185) lesen, dass die Verheißungen, die Israel gegeben waren, auf die heidenchristliche Kirche übergegangen seien. Weil niemand auf den Gedanken kam, Gott könne zwei Völker haben, musste es entweder Israel oder die Kirche sein. Die Kirche „ersetzte“ das jüdische Volk und übernahm das Erbe Israels. Es gab eben nicht mehr so viele jesusgläubige Juden in der Kirche, die schon durch ihre bloße Existenz einen mäßigenden Einfluss hätten ausüben können.

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Das „Ich“ Jesu

Der schwedische Rabbiner Marcus Ehrenpreis schrieb 1933, Jesus spreche in seinem eigenen Namen. Das Judentum kennt nur ein Ich, das göttliche „Anochi“ (hebräisch „ich“). Die Propheten Israels sagten: So spricht der Herr. Jesu Stimme hatte einen fremden Klang, den jüdische Ohren nie zuvor gehört hatten. Jeder jüdische Gelehrte ist ein Glied in einer ununterbrochenen Traditionskette von Mose bis heute. Jesus unterbricht diese Kette anscheinend und beginnt eine neue.
Es scheint, dass Ehrenpreis recht hat: Jesus sprach, so sagen es die Quellen, in einer Weise, die ihn über die höchste Kategorie stellte, die im Judentum für Menschen erlaubt ist. Ein Rabbi kann sagen: Ich habe diese Tradition von Rabbi A empfangen, der sie von Rabbi B gehört hat. So beglaubigt er seine Entscheidung mit der Autorität der Tradition, die letztlich auf die mündliche Tora von Mose zurückgeht.
Der Prophet spricht direkter von Gott: „So spricht der Herr: Ich...“ Aber der Prophet ist nur ein Vertreter Gottes. Er spricht in Gottes Namen, nicht in seinem eigenen. Seine eigene Person ist nicht wichtig. Er hat Gottes Wort nicht in sich selbst, er muss darauf warten.
Jesus hat seine Predigt offenbar nie in der Weise wie die Rabbiner beglaubigt. Niemals sagte er: Ich habe eine Tradition empfangen. Er sprach auch nicht wie ein Prophet. Er sagte Gottes Wort, Gottes Weisungen, in seinem eigenen Namen. Für jüdische Ohren muss das schockierend geklungen haben.
Er vergab Sünden, was die Frage auslöste: Wer kann Sünden vergeben außer Gott allein? Die Propheten sagten: Kehrt um zu Gott. Jesus sagte: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid.“ Die Rabbiner konnten davon sprechen, das Joch der Tora auf sich zu nehmen. Jesus sagte: „Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir“ (Matthäus 11, 29). Die Rabbiner konnten sagen, dass die „Schechina“ (Gegenwart Gottes) über ihnen sei, wenn zwei oder drei über der Tora zusammensitzen. Jesus sagte: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ (Matthäus 18, 20). Jesus bedroht das stürmische Meer, und es gehorcht (Matthäus 8, 23-27). Einige charismatische Lehrer hatten die Gabe, Wunder zu tun und Leute zu heilen. Aber sie taten es durch ihre Gebete, sie waren die großen Fürbitter. Jesus rief nicht die Kraft Gottes an, er hatte die Macht in sich selbst und heilte durch einen einfachen Befehl. Andere Exorzisten versuchten, den bösen Geist dadurch zu erschrecken, dass sie eine göttliche Macht anriefen. Jesus trieb sie mit seinem eigenen Machtwort aus, die Geister fürchteten ihn.
Wenn wir nach einem alttestamentlichen Modell für dieses Verhalten suchen, für dieses „Ich“ neben Gott, finden wir nur eins: Gottes Weisheit. Deshalb genügt es nach dem Zeugnis des Neuen Testaments nicht zu sagen, dass Jesus ein außerordentlich weiser Mann war. Er ist nicht ein Vertreter von Weisheit, sondern die Weisheit selbst. Und er ist auch die Tora in Person. Deshalb konnte er sie in seinem Namen vertiefen, radikalisieren, korrigieren, nicht indem er sie verwarf oder beiseite tat, sondern indem er sie vollständig machte.
Es ist unnötig zu betonen, dass eine solche Christologie nur in einem jüdischen Kontext entstehen konnte, und zwar zwischen Jüngern, die erfüllt waren vom Alten Testament und von jüdischen Denkkategorien.

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Toleranz und Religion wie passt das zusammen?

„Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater, denn durch mich.“ (Johannes 14,6)

Dieses „niemand“ hat viel Unheil gestiftet. Der Vorwurf der Intoleranz unter den Religionen hat hier von christlicher Seite seinen Ursprung. Wir wollen versuchen einen neuen Zugang zu diesem Wort „niemand“ zu finden, damit die Toleranz wieder an Boden gewinnt.
Auch der Begriff „Wahrheit“ hat Unfrieden gebracht. Hatte nicht die „Wahrheit“ des Sonnensystems im Widerspruch gestanden zur „Wahrheit“ des Glaubens, der sich wortwörtlich an die Bibel hielt? Wir dürfen nicht den Weg der intoleranten „Kreationisten“ gehen, die die Bibel mit einem Naturkundebuch verwechseln.
Also lasst uns neu hinschauen.
Was ist das für ein „Weg“, wenn Jesus sagt „Ich bin der Weg“?
Es ist der Weg, den Mose dem Volk Israel vorgelegt hat, als er ihm die Tora übergab. Das Volk sollte sich entscheiden, ob es diesen Weg gehen wollte. Auch Jesus ist selbstverständlich diesen Weg der Tora gegangen.
Unsere Vorstellung von „Wahrheit“ ist von der griechischen Philosophie geprägt. Plato, Aristoteles oder große Philosophen des Mittelalters haben unser Verständnis von Wahrheit beeinflusst. Immer wieder geht es um ein Urteil, um die Frage, ob es eine Übereinstimmung gibt zwischen dem Gesagten und der Vernunft, zwischen Tatsachen und der Idee davon. Zugespitzt geht es um die Frage Wahrheit oder Lüge.
Die Bibel versteht die „Wahrheit“ anders, nämlich als „Wahrsein“. Wenn wir uns als Christen äußern, sollten wir der Bibel eine Chance geben und uns von einem biblischen Verständnis leiten lassen. Bei der biblischen „Wahrheit“ ist nämlich die Wirkung der Verlässlichkeit und Treue gemeint. Gott ist wahr, er ist treu und verlässlich. Die „Wahrheit“ Gottes zeigt sich darin, dass er sich wahrhaft treu erweist. Aber das ist keine Aussage, die man mit wahr oder unwahr beurteilen kann. Es ist eine Glaubensaussage derer, die Gott für sine Treue und Verlässlichkeit danken.
Jesu geht seinen Weg, auf dem er sich auf das Wahrsein Gottes verlässt. Und er lädt uns ein, dass wir uns ebenso auf die Verlässlichkeit und Treue Gottes einlassen. Dieser Weg schenkt Leben und Segen.
Dieses „Niemand“ wurde mit christlicher Besserwisserei und viel Selbstsucht verbunden, in der man Selbstbestätigung suchte, um die eigene Glaubensweise bestätigt zu bekommen. In dieser christlichen Überheblichkeit wurden Juden als Verworfene verurteilt.
Der Jude Franz Rosenzweig lässt uns neu auf diese Stelle schauen, als er in einer berühmten Briefstelle zu diesem „Niemand“ schrieb: „Niemand - außer denen, die, wie wir Juden, auch ohne und vor Christus schon längst beim Vater sind.“
Wenn wir Christen von der ausschließenden Vorstellung - als hätten wir Christen allein die Wahrheit und nicht die Juden - wegkommen könnten, würde dieser Weg Jesu tatsächlich ein befreiendes und verbindendes und segensreiches Leben öffnen.
Diese Sichtweise wird uns von der Verfassung der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche bestätigt. Dort lesen wir in der Präambel: „Die Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche bezeugt die bleibende Treue Gottes zu seinem Volk Israel.“
Jesus ist tatsächlich der einzige Weg für uns Nicht-Juden, der einzige Weg zu Gott. Niemand von uns Nicht-Juden oder Heiden kommt zum Vater, außer durch Jesus. Und für uns stimmt dieser Vers aus dem Johannesevangelium.
Es geht um Jesu Weg, auf dem wir Christen die Treue und Verlässlichkeit Gottes erfahren können, um das Leben zu entdecken.
So beginnen wir, dieses „niemand“ neu zu verstehen. Uns selbst geht es an. Und nicht die Juden, denn sie waren schon längst beim Vater und sind bei Gott ohne Christus.
Und die Moslems, auch sie haben ihren Weg zu Gott. Es ist der Weg den Mohammed ihnen aufgezeigt hat.
So folgen wir Jesu Weg um Gottes „Wahrheit“, seine Liebe und Barmherzigkeit zu erfahren und zu leben.

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